Beleidigungen

Das Beleidigen, Beschimpfen und Fluchen ist so alt wie die menschliche Kommunikation. Die Funktionen: Aggressions- und Triebabfuhr, den Mitmenschen herabsetzen, dDem Ärger Luft machen, ohne handgreiflich zu werden. Oder einfach Spaß am Ungehörigen.

Auch Beleidigungen folgen Moden. Vor ein paar Jahren gab es beispielsweise eine Welle von Weichei-Schimpfwörtern. Eine fast logische Folge der Political-Correctness-Bewegung. Der Warmduscher wurde geboren, der Frauenversteher, der Turnbeutelvergesser oder – ganz einfach – der Lappen. Eine andere Tendenz ist es, antiquierten Beleidigungen neues Leben einzuhauchen, so feierten der Dorftrottel und die Dumpfbacke eine Renaissance. Auch Beschimpfungen, deren Herkunft sich kaum erschließen lässt, sind beliebt: Jemand macht sich zum Horst, ist dumm wie Brot oder ein Vollpfosten. Der Vollpfosten, also der minderbemittelte Totalversager, hat es vor kurzem sogar in den Duden geschafft.

Auf dem Spitzenplatz: menschliche Ausscheidungen

Neben den Moden gibt es aber auch feste Größen. So heißt es, dass in einer Gesellschaft die meisten Schimpfwörter aus den am stärksten tabuisierten Bereichen kommen. Das scheint in Deutschland ganz klar der Komplex menschlicher Ausscheidungen und alles Schmutzige zu sein. Scheiße ist das Schimpfwort par excellence – es kann mit fast jedem beliebigen Wort kombiniert werden. Zum Repertoire gehören außerdem alle möglichen Zusammensetzungen mit Arsch-, Kack-, Dreck- und Mist. Beispielhaft seien Arschloch, Arschkeks, Kackstelze, Kackbratze, Drecksack und Mistviech genannt. Der Urin kommt beim Beleidigen ebenfalls nicht zu kurz: Jeder kennt die Pissnelke oder den Pisser. Auch Kotze, Eiter, Abschaum belegen hohe Tabellenplätze der Flücheliste.

Das Sexuelle und Obzöne hat erst vor ein paar Jahrzehnten Einzug in die deutsche Schimpfsprache gefunden; ohne Zweifel ist das dem angloamerikanischen Einfluss geschuldet. Am ältesten ist der Wichser (auch Flachwichser für einen dummen Schaumschläger). Heutzutage geht es weitaus derber zu. Ficker, verfickt, Bastard, Hurensohn, Nutte und Fotze sind zwar harte, aber durchaus gängige Bezeichnungen.

Von Schweinen und anderen Viechern

Um einen weit verbreiteten Irrtum entgegen zu treten: Der Ausdruck hinterfotzig hat nichts mit dem weiblichen Geschlechtsorgan zu tun. In Bayern und Österreich bedeutet Fotze „Mund, Gesicht“. Hinterfotzig ist also jemand, der heimlich und gemein über andere schlecht spricht.

Geschmacklos, aber nicht tot zu kriegen sind Beleidigungen, die sich auf Krankheiten oder Behinderungen beziehen. Spast(i), Spacko, Mongo, Behindi, Krüppel oder gar Missgeburt kursieren seit vielen Jahren – besonders auf Schulhöfen. Ganz perfide ist es, die Zielscheiben des Spotts oder Mobbings als „Opfer“ zu bezeichnen, so als habe der Schikanierte wegen seiner Wehrlosigkeit die Beschimpfungen geradezu herausgefordert und bekomme jetzt nur, was er verdiene.

Zeitlos und immer wieder variiert: Tiere müssen für Beleidigungen herhalten. Die Liste ist lang – sie reicht von A wie Affe bis Z wie Zicke. Kombinationen gibt es unzählige: der Affenarsch, die (fette) Planschkuh, die Zimtzicke, die blöde Gans oder Schnepfe. Eine besondere Rolle nimmt das Schwein (inklusive Sau und Ferkel) ein. Auch hier kommt wieder die Schmutzfixierung der Deutschen ins Spiel – gilt das Schwein doch als besonders dreckig. Da steht die widerliche Pottsau neben dem Schweinepriester und beäugt die maßlose Ferkelei.

Wie das Land, so die Schimpfwörter

Verbale Agressionen dienen oft dazu, ganze Gruppen herabzusetzen. Frauen werden beschimpft (Schlampe, Tussi, Schnalle), Ausländer (Kanaken, Kümmeltürke, Inselaffe, Käseköppe), Homosexuelle (Schwuchtel, Kampflesbe) oder politische Gegner (Nazischweine, linke Zecken).

Natürlich bilden Dialekte einen perfekter Nährboden für mannigfaltige Beleidigungen – so unterschiedlich die Landstriche so unterschiedlich die Kraftausdrücke. Ein Beispiel mag genügen: Ein Trottel ist in Bayern ein (Bauern)-Lackel, in Schwaben ein Stoffel, im Norddeutschland ein Döskopp, in Berlin eine Flitzpiepe und in Südwestfalen ein Dalf.

Schließlich spiegeln Schimpfwörter auch nationale Eigenheiten. So gelten die Deutschen als ganz besonders korrekt. Und deshalb gibt es wohl auch nur hierzulande so schöne Invektiven wie Besserwisser, Klugscheißer, Korinthenkacker und Erbsenzähler.