Kindermund

Kindermund tut Wahrheit kund, so heißt es im Volksmund. und genau das ist es, was die witzigen Sprüche der Kleinen tun. In ihrer Sprache und – wichtiger noch – mit Umschreibungen, Formulierungen und Bildern aus ihrer Erfahrungs- und Vorstellungswelt stellen sie Fragen oder kommentieren Personen, Dinge und Ereignisse. Die Kinder meinen es ernst, weil sie ihre unmittelbare Umgebung erfassen wollen. Sie verstehen es nicht, wenn Erwachsene über einen ihrer Aussprüche lachen. Manchmal reagieren sie sogar irritiert auf die Reaktionen der Erwachsenen. Aber sie fragen weiter, und im späteren Leben kann so mancher Erwachsene über seine eigenen Kinder-Sprüche nachträglich herzhaft lachen.

Normen, Regeln und Gebräuche…

…prägen die Welt der Erwachsenen – die Gesellschaft, die Kultur. Für Kinder gelten die Regeln zunächst nicht, sie müssen sie durch Nachahmen oder durch Fragen erst kennen lernen und sich zu eigen machen. Weil aber die Erwachsenen von gesetzten Regeln und Normen ausgehen, empfinden sie Kindermund als witzig und lustig, manchmal geht das Missverständnis sogar soweit, dass Kinder, die vermeintlich flotte Sprüche vom Stapel lassen, als besonders klug eingeschätzt werden. Das ist gar nicht der Fall und passiert nur, wenn die Erwachsenen ihre Sicht der Dinge zu Grunde legen und dann voraussetzen, Kindermund sei wohl überlegt, sozusagen auf eine beabsichtigte Pointe ausgerichtet.

Das belegt ein Beispiel: Ein Kind, das bei einem Spaziergang Kühe auf der Weide sieht, bleibt stehen und sagt: „Schau mal Mama, die Muh hat Würste an ihrem Fußball.“ Prompt kommt bei den Erwachsenen Heiterkeit auf. Dabei hat das Kind lediglich mit ihm bereits bekannten Bildern operiert und versucht, Neues in dieses System zu integrieren. Die Erwachsenen haben dann die Aufgabe, mit einfachen Worten zu erklären, um was es sich in Wirklichkeit handelt, und das Kind lernt dazu. Dass der Kindermund-Spruch nicht vergessen und im Familien- und Freundeskreis erzählt wird, ist eine andere Sache.

Besonders gute Kindersprüche…

…können so in Zeiten der modernen Massenkommunikation zum Allgemeingut werden; vorausgesetzt, das Bild ist so schräg, entlarvend oder auf den Punkt gebracht, dass nicht nur die Verwandten, sondern alle darüber schmunzeln oder lachen können. Wichtig ist, dass ein Thema aufgegriffen wird, dass alle kennen oder interessiert. („Papa, das Baby ist immer noch nicht da. Das liegt bestimmt wieder an der Post.“)

So ist es auch ein gängiges Stilmittel, in Filmen oder Serien, in denen Kinder mitspielen oder gar die Hauptrollen übernehmen, lockere Sprüche in deren Texte einzubauen, um „Wahrheiten“ auf den Punkt zu bringen, die ein Erwachsener so nicht formulieren könnte. Die Serienautoren ließen zum Beispiel Klein Erna von der Waterkant beim Anblick eines stattlichen Busens erstaunt fragen:

„Wie kommt denn der Popo in die Bluse?“

Der Spruch machte in den 70-er Jahren in Westdeutschland die Runde. Dabei kann sicher davon ausgegangen werden, dass er dem Kind in den Mund gelegt wurde.

Gelegentlich gibt Kindermund auch ungewollt Privates oder Intimes preis. Dann ist die Reaktion der Erwachsenen anders. Dem Kind wird befohlen, still zu sein. Das ist aber nur korrekt, wenn zugleich erklärt wird, warum. Dazu ein abschließendes Beispiel. Eine Kindergruppe besichtigte in Begleitung einiger Erwachsenen das Beethoven-Haus in Bonn. In einer Vitrine sind persönliche Gegenstände des Komponisten ausgestellt, unter anderem sein Nass-Rasierer. „Das kennt ihr doch“, fragte die Museumspädagogin. „Das hat euer Papa doch bestimmt auch?“ Prompte Antwort eines kleinen Mädchens: „Nein, mein Papa hat einen elektrischen Rasierer, aber meine Mama hat sowas in der Badewanne.“ Ja, so ist das eben: Kindermund tut Wahrheit kund.